Inspiration und Impulse

"Auf ein Wort" - Interview mit einem Bewerber aus der Babyboomer-Generation

Rente mit 70?
Jenseits der Debatte um den Renteneintritt stellt sich für viele Bewerber die Frage, bekomme ich mit 55, 58 oder 62 überhaupt eine Chance wieder einen neuen Arbeitgeber zu finden?

Zur Einleitung wäre es schön, wenn sie ein paar Sätze zu ihrer aktuellen Situation schreiben würden und ein paar Worte zur beruflichen Biografie.
Nach meinem Informatikstudium, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, war ich über 25 Jahre in der Telekommunikations- und Automobilindustrie tätig. Mein Schwerpunkt war immer das Thema Test in verschieden Facetten. Zuletzt habe ich mich auf das Test-Framework für Testautomatisierung spezialisiert.
Unter anderem war ich auch als Teamleiter und Abteilungsleiter tätig, aber ich habe immer die Nähe zur Softwareentwicklung mit Schwerpunkt Test gesucht.

  • Wie kam es, dass sie sich nun wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen? Welchen Prozess sind sie durchlaufen, bis zur Entscheidung – ich nehme Aufhebungsvertrag/Abfindung an oder ich kündige?
    Als abzusehen war, dass in meiner letzten Stelle die Abteilung „abgewickelt“ wird und schrittweise an ausländische Standorte übergeben wird, machte ich mir immer mehr Gedanken über den Eintritt in die Rente. Gesetzt war die Rente mit 63 und Plan A war Altersteilzeit. Gleichzeitig kam es aber zu Angeboten für Aufhebungsverträge (Stichwort Automobil-Transformation). Nach reichlicher Überlegung habe ich einen Aufhebungsvertrag im Alter von 57 Jahren unterschrieben. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon finanziell so gut abgesichert, sodass ich hier keine Bedenken hatte.
  • Wie ist es ihnen nach der Entscheidung gegangen?
    Gut, eigentlich sehr gut und ich habe die Entscheidung keine Minute bedauert.
  • Was haben sie in der ersten Zeit gemacht?
    Durch mein Langzeitkonto war ich noch 7 Monate bei nahezu vollem Gehalt beschäftigt und habe dann ein Dispositions-Jahr genommen (nicht zu verwechseln mit Dispositions-Recht), bevor ich mich offiziell arbeitslos gemeldet habe.
    Während dieser Zeit habe ich mich um mich selbst gekümmert/optimiert und zum Beispiel online eine mehrmonatige Fitness-Trainerausbildung gemacht und mich in der Testautomatisierung weitergebildet.
  • Was motiviert sie, wieder in den Bewerbungsprozess einzusteigen?
    Durch die Vorgaben der Arbeitsagentur musste ich in den Bewerbungsprozess einsteigen und regelmäßig meine Bemühungen melden. Dabei habe ich gesehen, dass es einige Stellenausschreibungen gibt, bei denen ich mir ein Wiedereinstieg in den Arbeitsalltag vorstellen kann.
  • Was sind aus ihrer Sicht die Herausforderungen für Bewerber, die 50 und älter sind?
    Insbesondere wenn man sehr gut verdient hat, kann es sein, dass es schwer ist einen vergleichbaren Job mit dem gleichen Gehalt zu bekommen. Hier muss man sich klar darüber werden, was die eigene Schmerzgrenze ist. Außerdem sollte man sich darüber im Klaren sein, wie lange man noch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen wird. Ein 50-Jähriger, der bis 67 arbeiten möchte/muss, hat andere Voraussetzungen als ein 60-Jähriger, der mit 63 in Rente gehen wird. Das hat insbesondere Einfluss, ob und welche Weiterbildungen man in Anspruch nehmen möchte.
  • Wie sieht denn ihr ideales Unternehmen aus – welchen idealen Arbeitsplatz wünschen Sie sich?
    Zu den idealen Unternehmen-Voraussetzungen gehören flexible Arbeitszeiten und eine Homeoffice-Möglichkeit. Ein hoher Grad an selbständiger Arbeit ist wichtig. Ein besonderer Pluspunkt ist, wenn ich Wissen auch weitergeben kann. Z. B. könnte eine Testautomatisierung aufgebaut oder weiterentwickelt werden, und parallel neben der Test-Infrastruktur wird auch ein Team aufgebaut.
  • Wo sehen sie denn ihre persönlichen Vorteile – ihre Alleinstellungsmerkmale, die sie bei der Bewerbung anbringen?
    Ich habe mich sehr auf das Thema Testautomatisierung spezialisiert und entsprechende Erfahrung und entwickle je nach Anwendungsfall neue Ideen. Mir ist es ein Anliegen mein Wissen auch weiterzugeben.
     
  • Würden sie finanzielle Abstriche in Kauf nehmen und welche Rahmenbedingungen sind ihnen stattdessen wichtig(er)?
    Das Arbeitsklima muss unbedingt passen. Ich muss jeden Tag mit Freude zur Arbeit gehen. Der finanzielle Aspekt ist nur insofern wichtig, da er auch den Stellenwert der Arbeit zeigt.
     
  • Können sie sich auch Teilzeit vorstellen?
    Ja.
     
  • Wie schätzen sie die Chancen bei einem Branchenwechsel ein, halten sie eine Qualifizierung hier für hilfreich?
    In meinem Fall sehe ich einen Branchenwechsel nicht kritisch, da ich mich bei Testautomatisierung auf das Framework konzentriert habe und die entwickelten Konzepte zum größten Teil branchenunabhängig sind.
     
  • Welche Bewerbungswege gehen sie – klassisch Stellen über die Jobportale suchen, die beruflichen Netzwerke wie Xing und/oder LinkedIn nutzen, Bewerbermessen besuchen oder Initiativbewerbungen schreiben? Wie ist ihre Erfahrung bisher?
    Bisher nutze ich nur die klassischen Jobportale. Was zum Teil nervig ist, denn die gleichen Stellen werden von verschiedenen Job-Vermittlungen angeboten.
     
  • Was würden sie sich denn für ihre Bewerbungen von den Unternehmen, den Jobportalen oder den anderen Stakeholdern ;-) wünschen?
    Genauso wie vom Bewerber erwartet wird, dass er sich auf den künftigen Arbeitgeber einstellt, ist meine Erwartungshaltung auch, dass dies auch umgekehrt gilt. Wenn eine Firma nur noch Online-Formulare für die Bewerbung zulässt und keine Online Bewerbung per Email mit dementsprechenden Anlagen erlaubt, ist das für mich ein klarer Minuspunkt.
    Wenn in meinem Profil klar der Stuttgarter Raum genannt ist und kein Umzug in Frage kommt, aber Anfragen reinkommen die 150-200km entferne Stellen beschreiben, ist das nicht okay.
    Bei Online Weiterbildungen sollte das Schulungsmaterial für Online Seminare angepasst werden (z.B. PDF Dokumente die im Präsenz-Unterricht ausgeteilt werden, sollten nicht nur als PDF zur Verfügung stehen, wenn darin auch gearbeitet wird.)